Auf einen Blick
tokyo love
Titel: 
tokyo love
Autor: 
Hitomi Kanehara
Verlag: 
List Verlag
Erscheinungsjahr: 
2008
ISBN: 
978-3548607764
Seiten: 
128
Embjapan Bewertung: 
5
Wo erhältlich?

tokyo love

Lui, ein 19 jähriges „Barbiegirl“ aus Tokio lernt eines Abends in einer Bar den Punk Ama kennen. Mit seinen roten Haaren und seinem gepiercten Gesicht hätte sie ihm normalerweise keines Blickes gewürdigt. Aber Ama hat eine gespaltene Zunge, eine Schlangenzunge. Lui ist fasziniert von diesem Anblick. Von dem Moment an kann sie an nichts anderes denken, als sich auch die Zunge piercen zu lassen. Hatte sie doch schon beim Schmerz, die das Vergrößern und Dehnen ihrer Ohrlöcher ihr bereitete, das Gefühl gehabt, endlich am Leben zu sein. Wie erst würde es sich dann wohl bei dem Schmerz verhalten, sich die Zunge spalten zu lassen.

Lui zieht zu Ama und lernt durch ihn den Tätowierer Shiba kennen. Sie lässt sich von ihm die Zunge piercen und ein Tatoo auf den Rücken stechen, als Preis dafür gibt sie sich dem Sadisten Shiba hin- ist aber denoch weiterhin mit Ama zusammen. Sie will Grenzen überschreiten, die eigenen und die konventionellen, die die sie sich und die die Gesellschaft ihr auferlegt. Eine Zeit voller Schmerzen beginnt, teils gewollte physische, aber auch ungewollte psychische Schmerzen, die ihre neue Lebenssituation hervorruft: die der ewigen Suche nach dem Sinn des Lebens und des Verdrängens des Offensichtlichen, um sich im Strudel der Selbstfindung nicht zu verlieren.

Hitomi Kanehara hat mit elf Jahren die Schule verlassen und ist schon als Teenager aus ihrem Elternhaus ausgezogen. Für ihr Erstlingswerk Hebi ni piasu, was soviel wie „die gepiercte Schlange“ bedeutet und bei uns unter dem Titel „Tokyo Love“ erschienen ist, bekam sie im Alter von 20 Jahren den Akutagawa-Literaturpreis, der zweimal jährlich an Nachwuchsautoren für Kurzgeschichten in Japan verliehen wird. Kanehara ist damit eine der jüngsten Autoren, die den Preis je bekommen hatten. Dies löste in Japan einen wahren Leseboom ihres Buches aus. Ob die Faszination des Buches auch in Deutschland sich in dem Maße entfalten wird?- daran scheiden sich die Meinungen.

Während die eine Fraktion von Besprechenden das Buch frisch, frech und provokant finden, sehen die Vertreter der anderen darin lediglich ein Machwerk verherrlichender Selbstverstümmlung. Schließt man sich zunächst jedoch nicht der lauthals geführten Marktschreierei auf dem literarischen Parkett an, so kann man mit dem Offensichtlichen beginnend ohne Gewissensbisse haben zu müssen sagen: Das Buch lässt sich schnell an einem Abend lesen und ist damit wirklich eine Kurzgeschichte. Lui, die Ich-Erzählerin des Buches, ermöglicht dem Leser, Sie einen kurzen Abschnitt in ihrem Leben zu begleiten.

Was vorher war, oder was die anderen Akteure vor oder nach der Begegnung mit Lui machten, bleibt weitestgehend im Verborgenen. Alles dreht sich um Lui, und die ist auf der Suche nach einem Lebenssinn. Und dafür nimmt sie auch sadistische Schmerzen, die ihr von Shiba dem Tätowierer bereitet werden, billigend in Kauf. Die Gewaltszenen werden jedoch keineswegs detailliert beschrieben, aber dennoch genau genug, um abschreckend oder- je nach Gemüt des Lesers- anregend empfunden zu werden. Nüchtern betrachtet wird also ein sehr drastischer Weg ins Leben des Erwachsenseins aufgezeichnet, auf dem die Ich-Erzählerin droht, an dem beschrittenen Scheidegrat zwischen gerade noch existenter Sicherheit und unwiederbringlicher Selbstzerstörung abzurutschen und sich selber zu verlieren.

Vom Irrweg, Gewalt zu erfahren, um sich lebendig zu fühlen

Das Buch richtet sich eindeutig an eine jüngere Leserschaft, wobei es gerade durch die Gewaltszenen im sexuellen Bereich auch sensible junge Heranwachsende eine sehr abschreckende Wirkung haben kann. Nach dem ich das Buch durchgelesen hatte, gab ich es meinem Sohn zur Lektüre, um sein Reaktion auf den Inhalt zu erfahren. Vielleicht liegt es lediglich an einem Generationsunterschied, war mein erster Gedanke gewesen, doch auch er teilte in weiten Zügen meine in mir aufkeimende Meinung: Dass da ein Mensch ist, der auf einem sehr drastischen- um nicht zu sagen abnormen- Weg verzweifelt versucht, für sich irgendwie, und sei es mit selbstzerstörerischer Gewalt, einen Platz in der Welt zu finden. Das Buch ist daher vom Thema her keinesfalls automatisch für jeden jungen Menschen geeignet- und hat mit Liebe, wie der Titel vielleicht verheißen würde, nichts zu tun. Das Buch bekommt von mir auch aus diesem Grund ganze 5 von 10 gespaltene Meinungssternchen.

Frisch rezensiert