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Autor: Ralferly   

Die aus China eingeführten ideographische Zeichenschrift „Kanji“

Zweifelsfrei gehört das Erlernen, die richtige Schreibung und Lesung der sino-japanischen Schriftzeichen zu einer der Königsdisziplinen im Japanischen. Jedoch, falls diese Nebenbemerkung an dieser Stelle erlaubt sei, stellen sich die Kenntnisse der Kanji alleine in allgemeinen Prüfungssituationen wie z.B. die des JLPT (japanese language proficiency test) nicht die größte Herausforderung an die westlichen Lerner dar.
Bis dato jedenfalls haben wir uns eingehend mit den beiden Silbenschriften der japanischen Sprache beschäftigt sowie mit deren Romanisierung. Insofern wird es Zeit, die nächsten Stufen zu erklimmen.

Der Unterschied zu Buchstaben- und Silbenzeichen

Wie schon eingangs geschrieben gibt es zu all den uns bereits bekannten Schriftsystemen grundlegenden Unterschiede: Zum einen sind die Zeichen gegenüber den uns bekannten Silben in der Regel wesentlich komplexer, was die Anzahl der Striche, als auch deren Führung und die Form des Zeichens an sich betrifft. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass den chinesischen Zeichen ein komplett anderes Modell der schriftlichen Kommunikation zu Grunde liegt, nämlich dass die einzelnen Elemente nicht vorrangig einen Laut oder Laute tragen, wie es bei den japanischen Silben oder auch den uns vertrauten Buchstaben der Fall ist, sondern ein Wort, eine Idee oder einen Sinn innehalten. Mit anderen Worten: Während man in dem für uns herkömmlichen Sinne sich darauf beschränkt, nur die bei der mündlichen Übertragung der Sprache benutzten Laute schriftlich wiederzugeben, schreibt man mittels Kanji die Bedeutung dessen, was man ausdrücken möchte, nieder und man kann somit das Schriftsystem der Kanji durchweg mit anderen Schriftsystemen wie der ägyptischen Keilschrift oder Runen vergleichen, welche innerhalb des westlichen Zivilisationskreises seit langem der Vergangenheit angehören, nicht desto trotz aber durchweg großen Zivilisationen das kulturelle Fundament gaben.

Lesungen im Japanischen

Als die Japaner in Ermangelung einer eigenen Schriftsprache vorrangig durch den kulturellen Austausch mit dem Nachbarreichen, welche auf den heutigen Territorium Koreas liegen, mit der chinesischen Kultur in Kontakt kamen und das erfolgreiche und äußerst effiziente Schriftsystem übernahmen, nahmen sie gleichzeitig damit auch einen Großteil der damaligen chinesischen Sprache auf: in Form vieler neuer und bis dato unbekannter Wörter- man denke nur beispielsweise an viele religiöse oder philosophische Gedanken, welche mit den ebenso aus China mitgebrachten Buddhismus und Konfuzianismus mitgebracht wurden- sowie eine für die bis dato gesprochene urjapanische Sprache unbekannte Laute, mit denen die Zeichen in China selbst gesprochen wurden.
Ferner war man bemüht, mit der neuen Errungenschaft auch die eigene Sprache darstellen zu können, und so begann man, eigene Begriffe ebenso mit den neuen, fremden Zeichen darzustellen. Daraus resultiert durchaus die schwierige Situation, dass ein Kanji-Zeichen meist mehr als nur eine Möglichkeit der Lesung innehält.

Die kun-Lesung (訓読み)

Die kun-Lesung ist quasi der Part, der vermutlich aus dem Urjapanischen beigesteuert wurde. In dem Gros der Fälle werden Kanji, die einzeln auftreten (zum Beispiel als Verb), werden diese mit der kun-Lesung gelesen. Ferner sollte gesagt werden, dass ein Kanji-Zeichen je nach Verb auch verschiedene kun-Lesungen aufweisen kann. In solchen Fällen geben die nachfolgenden Kana (okurigana) oft den entscheidenden Hinweis, wie das Zeichen zu lesen ist, in manch verzwicktem, seltenem Fall aber hilft allerdings nur der Kontext dem Leser weiter.
Es lohnt sich also, Kanji nicht losgelöst und theoretisch, sondern in ihrer „freien Wildbahn“ zu erlernen.

Die ON-Lesung (音読み)

Die ON-Lesungen gehen bis auf einige Ausnahmen auf die ursprünglich aus China importierten Wörter und deren Lesungen (im Vorzeichen japanischer Phonetik) zurück. Als Faustregel kann man davon ausgehen, dass Kanji, die in Kombination mit anderen Kanji auftreten (Komposita), mittels deren ON-Lesung zu lesen sind.
Die meisten Kanji-Lexika verwenden Hiragana bzw. Kleinschreibung zur Kennzeichnung der kun- und Katakana bzw. Großschreibung für die ON-Lesung.

Die Nanori (名乗り)

Darüber existieren noch weitere Lesungen, die für Namen in Gebrauch sind. Diese können in besseren Kanji-Lexika nachgeschlagen werden.

Zusammenhang zwischen Hiragana, Katakana und Kanji

Wie eingangs bereits geschrieben, entwickelten sich die japanischen Silbensysteme aus der Benutzung der chinesischen Zeichen- sowohl hinsichtlich der Form als auch der Lesung. Wobei sich die Hiragana aus der kalligraphischen, flüssig-schnellen Schreibweise, die Katakana sich aus einem Teil eines Kanji gleicher Lesung entwickelt wurden...

Einfache Regeln zur Schreibweise: Platzierung, Strichreihenfolge, Strichenden

Was bereits für die Schreibung der Kana (Hiragana und Katakana) gilt, gilt erst recht für die der Kanji. Im Einzelnen kann man diese in etwa so formulieren:
Platzierung
Jedes Kanji sollte wie auch die Kana so geschrieben werden, dass es wohl proportioniert in einer Größe in ein quadratisches Kästchen passt.
Strichenden
Ebenso wie bei den Kana-Silben gibt es drei verschiedene Möglichkeiten, wie ein Strich eines Kanji enden kann:
  • mit Auslauf (はらい)
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  • mit einem Stopp (止め)
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  • mit einem Haken (撥ね)
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Strichreihenfolge

Da Strichreihenfolge der Kanji von unzähligen Ausnahmen durchzogen ist, kann man daher keine allgemein gültigen Regeln aufstelle. Dennoch kommen folgende Grundmuster immer wieder vor:
  1. waagerechte Striche von links nach rechts schreiben
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  2. senkrechte Striche von oben nach unten schreiben
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  3. Striche von oben beginnend nach unten setzen
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  4. senkrechte Striche und Bestandteile von links beginnend nach rechts setzen
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  5. Kastenformen wie folgt schreiben: Links, oben-rechts, Inhalt, unten
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  6. Striche, die den Kasten komplett durchqueren, werden zu letzt geschrieben
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Systeme zur Kategorisierung der Kanji

Anders als bei den Kana (Hiragana und Katakana) gibt es natürlich bei Kanji kein Kriterium, nach dem man diese vollständig ordnen könnte, denn wie wir nun wissen, stellen Kanji kein Alfabeth dar. Somit ist es durchaus normal, wenn als Anfänger beim Suchen nach einem bestimmten Zeichen ein wenig aufgeschmissen ist. Gute Kanji-Bücher verfügen über ein Register, in dem die Kanji nach ihren die gebräuchlichsten Lesungen oder Strichzahlen geordnet sind, jedoch auch dies ist sehr langwierig oder z.B. wenn man die Lesungen nicht kennt, sogar unmöglich.

das Radikal (部首)

Um die Zeichen auch innerhalb eines Wörterbuchs auffindbar zu machen, entwickelte sich zu den Zeichen ein System, nach dem man die Zeichen nach einem charakteristischen Bestandteil, dem sogenannten Radikal, desselben ordnete. Bekannt ist, dass das chinesische Wörterbuch 說文字shuowenzi aus dem Jahre 121 mehr als 500 solcher Radikale aufführte, heutzutage jedoch wurde die Anzahl der für gewöhnlich in Kanji-Lexika verwendeten Radikale auf 214 reduziert. Auch die deutschen Autoren Wolfgang Hadamitzky und Mark Spahn („Kanji und Kana“) arbeiten mit einem modifizierten Radikal-System, bei dem sie die Anzahl der Schlüsselradikale noch einmal auf 79 Radikale reduziert haben.

der skip-Index

Die Suche mittels Radikale kann mitunter sehr langwierig und nervenaufreibend gestalten. Nur selten ist für den ungeübten Lerner sofort klar, welcher Teil eines Kanji tatsächlich das Radikal, nach welchem zu suchen ist, darstellt. Der Japanologe und Sprachforscher Jack Halpern („Kodansha Kanji Learner‘s Dictionary“) hat deshalb ein System aufgestellt, welches das Auffinden auch ohne Kenntnisse über Radikale und ohne große Erfahrungen und Kenntnisse über Kanji ermöglichte. Der skip-Index (skip=system of kanji indexing by patterns) besteht aus drei Zahlen, welche die Form des Kanji beschreiben.
Für die erste Zahlenangabe teilt Halpern alle Kanji entsprechend ihrem Erscheinungsbild in 4 Gruppen, deren Gruppennummer auch gleich die erste Zahl des Indexes angibt:

Gruppe 1: Das Zeichen lässt sich in von einander getrennten linken und rechten Teil zerlegen.
Für diese Gruppe gibt die zweite Zahl die Strichzahl des Teils, der am weitesten getrennt vom Rest links steht, die dritte die des Rests des Kanji an. So hat das Zeichen 明 (links: 日, rechts:月) den Index 1-4-4 und das Zeichen 働 (ganz links: 亻, rechts: 重+力) den Index 1-2-11.

Gruppe 2: Das Zeichen lässt sich in Oben und Unten zerlegen.
Bei diesen Kanji gibt die zweite Zahl die Strichzahl des obersten Teils, die dritte die des Rests an. Als Beispiel hat das Zeichen 音 (oben: 立, unten: 日) den Index 2-5-4 und das Zeichen 薬 (ganz oben: 艹, unten 楽) den Index 2-3-13.

Gruppe 3: Das Zeichen wird von einem separaten Teil eingeengt oder umgeschlossen.
Hierfür gibt die zweite Zahl dann die Strichzahl des umschließenden Elementes und die dritte die des umschlossen Teils an. Beispiele sind die Kanji 区 mit Index 3-3-2 und 病 mit Index 3-5-5.

Gruppe 4
: Der Rest aller Zeichen, die mit ihrer kompakten Gestalt nicht in die Gruppen oben passen.
Bei diesen gibt die zweite Zahl die gesamte Strichzahl des Kanji an. Um das Zeichen dann korrekt zu identifizieren gibt die dritte Zahl die Untergruppe (subpattern) des Kanji an, welche sich wie folgt aufschlüsselt:
Untergruppe 1: Das Kanji verfügt über einen dominierenden horizontalen Strich ganz oben. Beispiele dafür sind 耳 (Index: 4-6-1) und 子 (Index: 4-3-1).
Untergruppe 2: Das Kanji verfügt über einen dominierenden horizontalen Strich ganz unten. Beispiele sind 上 (Index: 4-3-2) und 丘 (Index: 4-5-2).
Untergruppe 3: Das Kanji verfügt über einen dominierenden vertikalen Strich durch die Mitte. Hierfür lassen sich die Beispiele 中 (Index: 4-4-3) und 本 (Index: 4-5-3) finden.
Untergruppe 4: Alle Kanji, die nicht den oberen 3 Gruppen entsprechen, wie zum Beispiel 女 (Index: 4-3-4) und 丸 (Index: 4-3-4).

elektronische Systeme

In letzter Zeit sind allerdings auch viele elektronische Lösungen mit der Möglichkeit einer Handschrifteingabe auf den Markt gekommen, die das Nachschlagen von Kanji und ganzen Wörtern dem Lernenden erheblich erleichtern. Beispiele für solche sind die ExWord-Produkte neuerer Generationen von Casio oder PDAs mit japanischen Betriebssystemen. Diese haben oftmals zu Gunsten des Nutzers eine erhöhte Fehlertoleranz zum Beispiel bezüglich der Strichreihenfolge bei der Eingabe.