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Japanische Chronik PDF E-Mail
Autor: Song Jiang   
Dienstag, 9. März 2010
Japanische ChronikWas eine Chronik ist, werden die meisten wohl wissen. Durchgehend gelesen haben dürften jedoch nur die wenigsten Leser eine vollständige Chronik. Als Japanbegeisterter hatte man vielleicht auch schon eine solche über die japanische Geschichte in der Hand gehabt, nur wird man oft schnell feststellen, dass sich diese in den meisten Fällen so flüssig wie ein Fremdsprachenwörterbuchs lesen lassen: Zu viele Fakten, unbekannte geschichtliche Begriffe und Eigennamen machen die Lektüre zäh wie Kaugummi. In solchen Fällen ist es schwer, sein Interesse am Buch aufrecht zu halten, geschweige denn überhaupt einen persönlichen Zugang zum dargebotenen Stoff zu bekommen. Wie sieht es aber aus, wenn ein Autor seine persönlichen Reiseerfahrungen und witzig dokumentierte Versionen der japanischen Chronik in einem Buch zusammenfasst?

Nicolas Bouvier gliedert sein Buch in Reiseberichte und Chronik: Die Reiseberichte finden sich in den so genannten „Grauen Heften“, der Chronik widmet er sich in den restlichen Kapiteln. Genauer gesagt, findet man Folgendes im Inhaltsverzeichnis vor:
  • Das Graue Heft
  • Erster Teil – Die Laterna magica
    • Jahr Null
    • Die Insel der Wa
    • Meine Lehre wird sich bis zum Orient ausbreiten (Buddhas Wort)
    • Ein Herbstnachtstraum
    • Das Graue Heft
    • Genua das Jahr 1298
    • Der Vatikan
    • Das Graue Heft
    • Pax Tokugawa
    • Die wiedergefundene Zeit 1854 – 1944
    • Yuji spricht, oder eine Lektion „worüber“?
    • Washington 1944 – 45
  • Zweiter Teil – 1956, das Jahr des Affen
    • „Passepartout“
    • Rund um Araku-tscho
    • Am Fuss der Rampe
  • Dritter Teil – Der Pavillion der Glückverheißenden Wolke, 1964
    • Der Tempel der Grossen Tugend
    • Das Graue Heft
  • Vierter Teil – 1965, das Dorf des Mondes
    • Tsukimura
  • Fünfter Teil – Die Insel ohne Erinnerung
    • Die Nordseestrasse
    • Das Graue Heft
    • Ainu
    • Kap Erimo
    • Im Museum von Abaschiri
    • Ein von den Kurilen strömendes Tief
    • Wakkanai
    • Das Graue Heft
    • Das Graue Heft
    • Abschied
  • Literaturnachweis
In „Japanische Chronik“ vermengt Bouvier gekonnt Geschichtsschreibung mit Reisetagebuch, ein Wechselspiel von witzig kommentierter japanischer Chronik mit unterhaltsam dargestelltem Reisebericht. Dabei steht die Chronik aber stets im Vordergrund und nimmt bedeutend mehr Platz ein. Auch handelt es sich dabei nicht um ein sklavisches Abarbeiten der geschichtlichen Ereignisse Japans, sondern eher um ein „best of“ der japanischen Geschichte, ein gelungenes Potpourri, welches durch seinen Stil, der zugleich witzig aber auch derb ist, den Leser in seinen Bann schlägt. Wie nicht anders zu erwarten, beginnt auch seine Chronik, nach einer kurzen Einleitung durch einen Auszug aus seinem Reisetagebuch, mit der Entstehung Japans durch göttliche Kräfte. Hier zeigt sich sofort die Stärke von Nicolas Bouviers Stil und so liest sich diese Darstellung eher wie eine sakrale Komödie, als ein trockenes Rezitieren alter mystischer Texte. In genau diesem Stil wird auch die restliche Chronik weitergeführt, charmant und witzig, aber immer dem der japanischen Geschichtsschreibung treu ergeben.
Auf der anderen Seite sind die Passagen zu nennen, welche auf seinen Reiseberichten basieren. Für Leser, die bereits einmal durch das Land Japan gereist sind, werden sich diese als wahre Perlen hervorheben. Unwahrscheinlich ist zwar, Japan während der 50iger und 60iger Jahren erlebt zu haben, aber zu hören wie sich dieses heute moderne und fortschrittliche Land an den eigenen Haaren aus dem Dreck des Krieges zog, ist auch heute noch amüsant und erschreckend zugleich, immer aber in einem witzigen Stil beschrieben: Die ewigen Tugenden Japans, wie Gastfreundschaft und der Hang zum feucht-fröhlichen Trinken, werden hier genauso thematisiert, wie auch das Versagen der Bürokratie und das Chaos in den neu erblühenden Städten.
Es ist schwer zusagen, was den Leser mehr fesseln wird: Die Chroniken auf der einen Seite, die mit ihrer vollkommen neuen Betrachtungsweise der japanischen Geschichte einen Charme versprühen, dem man sich kaum entziehen kann, die Reiseberichte auf der anderen Seite, die zwischen Ethnographie und witziger Anekdote wandeln und ein Japan darstellen, wie es heute nicht mehr existiert, die meisten Reisenden es aber gern gesehen hätten. Das einzige Manko findet sich in der Darstellung verwendeter japanischer Begriffe: Anstatt einer Annäherung an die deutsche Schreibweise hätte man sich hier die übliche Romanisierung oder gar zusätzlich eine Darstellung in japanischer Schrift wünschen können.
Nicolas Bouvier, von dem bereits auch „Das Leere und das Volle“ hier auf Embjapan erfolgreich besprochen wurde, ist durch seine Reiseberichte berühmt geworden. Seine Reisen trieben den ehemaligen Studenten der Geistes- und Rechtswissenschaften, nach abgebrochenem Studium, von Jugoslawien über die Türkei und Pakistan bis nach Sri Lanka. Nach einem langen Aufenthalt dort verschlug es ihn schließlich im Jahr 1956 nach Japan. Diese Reise wurde in seinem Buch „Die Erfahrung der Welt“ („L'usage du monde“) beschrieben. Jahre später kehrte er nach Japan zurück und verfasste daraufhin das vorliegende Buch „Japanische Chronik“ („Chronique japonaise“).

Nicolas Bouvier
Japanische Chronik

Lenos Verlag, Basel
ISBN: 978-3857876936
Preis: 12,50€

Fesselnde Geschichte und Geschichten aus der Feder eines Weltenbummlers alter Schule

Eine Reise in die weite Welt brachte Nicolas Bouvier schließlich nach Japan. Dieses Land fesselte ihn so sehr, dass er dorthin zurückkehrte und uns letztendlich mit einer Chronik und einem Reisebericht beschenkte, der Seinesgleichen sucht. Die Rezension liest sich nicht umsonst vielmehr wie eine Liebeserklärung denn einem kritischen Abriss. Bouvier schuf so ein Werk, das fesselt und begeistert, einem zum Lachen bringt und mit informativen Details der japanischen Chronik versieht. Man könnte zwar bemängeln, dass seine Chronik auch einige wichtige Ereignisse außer Acht lasse, doch kann es dem Buch nicht zum Nachteil gereichen, da es an keiner Stelle den Status eines akademisch vollständigen Werkes für sich beansprucht.
Vielmehr erfährt man von Begebenheiten und Zusammenhängen, von denen man noch nicht wusste, oder solchen, die man zwar schon kannte, aber in dieser Form darüber noch nichts gelesen hatte. Die Reiseberichte hingegen sind mit ihrer ethnographischen Note und einem Bild eines Landes, das so nicht mehr existiert, eine Perle, die man sich unter keinen Umständen entgehen lassen sollte. Mit Freude und voller Faszination daher: 10 von 10 Reisesternchen
 
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