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Sumo Sushi Dauerlächeln PDF E-Mail
Autor: Alexcom   
Sonntag, 17. Januar 2010
Sumo Sushi Dauerlächeln„Sumo Sushi Dauerlächeln“-schon wenn man den Titel des Buches liest, bekommt man einige der am häufigsten mit Japan verbundenen Klischees geliefert. Da wäre zum Einen der traditionelle japanische Ringkampf Sumo, mit dessen Geschichte, Wesen und Regelwerk wohl die wenigsten der an Japan „lediglich“ allgemein interessierten Leser etwas anzufangen wissen. Als nächstes gäbe es da Sushi, was die meisten fälschlicherweise mit rohem Fisch verbinden, auch wenn die Speise eigentlich in erster Linie den gesäuerten Reis bezeichnet. Zu guter Letzt wäre wohl das, was Ottonormalwestler mit Japan- oder schlicht Ostasien allgemein- verbinden: das Dauerlächeln- eine Geste, die nicht selten zu Missverständnissen führt, handelt es sich doch nicht immer um- wie gewohnt- eine Geste der Freundlichkeit.

Doch erschöpft sich der Inhalt natürlich nicht bereits mit dem Titel und geht wesentlich weiter, als die drei oben genannten Vorstellungen über das Land der aufgehenden Sonne, denn dem geneigten Leser und Nichtjapaner werden nicht nur allgemein bekannte Themen wie Karaoke, Shinkansen & Co vermittelt, sondern (fast) all die sehr spezifischen und auch skurrilen Eigenarten des Landes. Und das mittels durchweg origineller Wortfindungen, wie bereits ein Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbart:
  • Vorspiel im Taxi
  • Über Rohfisch, Eliterindviehchersteak und sonstige Freuden der japanischen Küche
  • Über gastronomische Abenteuer im Bedienungsparadies der Welt
  • Über Massentransport a la Nippon
  • Über Mikrofontraktierer und sonstigen Umweltkomfort
  • Über Japans vergötterte Diabetiker und andere Körperkultur
  • Über 8 Millionen Götter und ihre 100 Millionen Besucher
  • Über den Dr. Jekyll & Mr. Hyde Japaner und sonstige Charakterzerpflückungen
  • Über nächtliche Freuden des Arbeitsalkoholikers
  • Epilog
  • Glossar

Der Autor. Hans-Georg Kaethner, geboren 1935, Journalistikstudium in Leipzig, zog noch vor dem Mauerbau „über die grüne Grenze“ hinweg in die Bundesrepublik und kann mittlerweile auf ein bewegtes Globetrotterleben mit Reisen durch rund 70 Länder auf allen Kontinenten unserer Welt zurückblicken, darunter war er auch in den letzten 4 Jahrzehnten mehrmals als Reisegast im Land der aufgehenden Sonne. Darüber hinaus hat auch ein 5-jähriger Japan-Aufenthalt und eine japanische Ehefrau Platz in seinem Leben gefunden.
Die Gliederung. Ja, die Themen sind- wie man aus der Inhaltsübersicht oben entnehmen kann- von einander in Kapitel getrennt. Es ist also eine gewisse Ordnung zu erkennen, auch wenn sich deren zugrunde liegende Logik dem Rezensenten nicht immer erschloss. So beginnt das Vorwort mit dem Thema Taxi, der Abschnitt über die übrigen Transportmittel folgt aber erst viel viel später. Zwischenzeitlich führt ein Exkurs den Leser quer durch die japanische Küche und das Thema um gastronomischen Abenteuer, welches sich direkt daran an schließt und inhaltlich zum großen Teil auch gut und gerne dem Vorgängerkapitel hätte zugeordnet werden können. Die nächtlichen Freuden des Arbeitsalkoholikers allerdings, ein wunderbar geeigneter Anschlusskandidat, werden wiederum erst zum Ende des Buches erläutert. So könnten die Inhalte eigentlich fließend ineinander übergehen; sie tun es aber nicht, sondern sind zum Teil durch ganze, eingeschobene Kapitel voneinander getrennt.
Ferner es ist ein wenig bedauerlich, dass der Autor einige Insider-Themen, die einer genaueren Betrachtung Wert wären, wie zum Beispiel den Abschnitt über Fußball in Japan, sehr schnell abarbeitet.
Sehr erfreulich ist das doch recht umfangreiche Glossar am Ende des Buches, welches einem dann die eine oder auch andere umfangreiche Suche nach einer kurzen verständlichen Erklärung für so manches japanische Wort aus dem Text erspart und so hilft, den Inhalt zu erschließen.
Der Inhalt. Der Autor tritt mit dem Leser sofort ins Gespräch über das Land Japan und das Leben in diesem Inselstaat und kann mit erstaunlichem Detailwissen aufwarten. Mit journalistisch-geprägten Spürsinn versucht er dem Leser, die Hintergründe japanischer Eigenarten pointiert und zum Teil recht augenzwinkernd näher zu bringen, ohne dabei in eine der japanischen Kultur gegenüber geäußerten eurozentrierten Arroganz zu verfallen. Die Geschichten und Episoden, sowie Hintergrunderläuterungen wirken zunächst recht überzeugend, hinterlassen aber gelegentlich einen zweifelhaften Beigeschmack im Nachgang. Zweifel einerseits, in wieweit wohl der Autor selbst seine eigenen Gedanken ernst nimmt bzw. selbst ernst genommen werden möchte, andererseits ob die dargebotenen Hintergründe auch den Tatsachen entsprechen. Nicht selten auch aus dem Grund, dass interessante Dinge angesprochen werden, aber dann sofort wieder fallen gelassen werden und als Randepisoden mehr oder weniger nackt im Raum stehen bleiben. So ist als Beispiel der Vorschlag, vage vom Autor vorgetragen, dass Tokio zur Lösung seiner Lärm und Verkehrsprobleme enturbanisiert werden sollte, aus praktischer Sicht etwas fraglicher Natur und wird sofort mit dem Hinweis nirgends könne man als Japaner derart schön eng beieinander wohnen, verworfen. Unerwähnt bleibt, dass seit Jahren von der Regierung eine Politik der Dezentralisierung- wenn auch in ihrer Umsetzung nur halbherzig verfolgt- angestrengt wird, und zwar aus Gründen der Katastrophenvorsorge im Falle eines großen Erdbebens in der Kanto-Region. An einer anderen Stelle versucht er dann, die Bedeutung der Zahl 108 in den japanischen Religionen zu erklären. Dazu schreibt er, sie repräsentiere die 12 Monate, 24 Atmosphären und 72 Klimazonen- was dabei genau gemeint sein könnte, wird allerdings nicht verraten. Ebenso nicht eine Quelle oder auch einen kleinen Hinweis, dem man nachfolgen könnte. Einen besseren Erkenntnisgewinn hätte der Leser wohl verspürt, wenn die Zahl 108 durch das Produkt aus 2 und 54 erklärt worden wäre. [1]
Ferner ist es vielleicht auch ein wenig dem Aufenthaltszeitpunkten des Autors in Japan oder dem schon fortgeschrittenen Alter des selbigen geschuldet, dass einige Anekdoten und Darstellungen, trotz dass sie durch und durch lesenswert bleiben, leicht antiquiert wirken. Das trifft nicht nur auf den Inhalt, sondern im Besonderen auf die Wortwahl und den Stil des Autors zu.
Der Schreibstil. Bei „Sumo Sushi Dauerlächeln“ handelt es sich in der Tat um ein Buch der alten Schule: eloquent im Schreibstil und doch unterhaltsam in der Gedankenführung. Gerne greift dabei der Autor auch auf Wörter zurück, die wohl einem jüngeren Leser unter 50 Jahren Lebenserfahrung, mit Vergnügen die eigenen Wissenslücken aufzeigt. Einige der Kandidaten für ein linguistisches „Wer wird Millionär“ wären zum Beispiel: „Was ist ein ‚Hosiannachor‘?“, „Wen bezeichnet man als einen ‚Mönchseleve‘?“, „Für was verwendet man ein ‚Holzvotivtäfelchen‘?“ und „Was versteht man unter einem ‚merkantilen Gebiet‘?“
Nicht jeder verfügt über ein kleines Latinum, Griechisch-Kenntnisse oder zumindest eine profunde Ausbildung in altdeutscher Sprache, um jedes der Wörter irgendwie „wieder zu erkennen“. Und hin und wieder mischen sich auch sehr vereinzelt noch die im Buchdruck-Geschäft unvermeidbaren Rechtschreibfehler unter die üblichen Verdächtigen, so dass es immer wieder ein schönes Spiel ist, darüber rätseln zu dürfen: Tippfehler oder Wissenslücke. An anderer Stelle wiederum besticht der Autor mit umwerfender Wortakrobatik, die für eben genannten Stellen durchaus entschädigen mögen.

Hans Georg Kaethner
Sumo Sushi Dauerlächeln
Ein Gaijin in Japan

Conbook Medien Verlag, Kaarst
ISBN 978-3-934918-252
Preis 12,90 €

Hinter der Fasade des Dauerlächelns
Zähren. Hin und wieder vergoss der Rezensent beinahe bittere derselbigen, besonders dann, wenn inmitten eines interessanten Themas der Autor dasselbige kurzerhand abwürgte, den Anmerkungen und Schlussfolgerungen des Autors nicht recht zu folgen war oder einmal wieder ein ungebräuchliches Wort („abhold sein“) den doch recht flotten und unterhaltsamen Lesefluss ins Stolpern brachte.
Als wirklich augenfällige Schwäche des Buches ist wohl das Vertrauen in die inhaltliche Korrektheit zu nennen, denn nicht immer kann sich der Leser sicher sein, wie die getroffenen Aussagen und Bemerkungen des Autors zu bewerten sind: Ist das jetzt journalistische Freiheit, Zynismus, eine ungenaue Übersetzung, oder einfach nur Halbwissen? Es ist, möchte man ins Detail gehen, nicht einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen. Sehr unterhaltsam ist es jedoch auf alle Fälle und das Buch stellt wohl eine der originellsten Japan-Lektüren auf dem deutschen Markt dar.
Es ist dem Rezensenten daher nicht leicht gefallen, sich zu einem abschließendem Urteil über dieses Buch hinzureißen: In wie weit wiegen die vielen schönen Anekdoten und Geschichten über Japan die vielen Themen, die ungerechtfertigt nur sehr kurz und oberflächlich behandelt wurden, auf? So sollte dieses Werk nicht als für sich allein stehende Lektüre gelesen werden, macht aber durchweg Hunger auf mehr- mehr Wissen, mehr Interesse, mehr Japan. Vor allem für den Japan-Experten. Als Einstieg in die Materie Japan ist es eher weniger geeignet. Somit vergebe ich 7 von 10 dauerlächelnde Sumo-Sushis.

[1] Als Randnotiz dazu: Sucht man nur lang genug, findet man in der Tat eine, wenn auch nicht gänzlich über jeden Zweifel erhabene Erklärung für die „2 mal 54-Hypothese“: Angeblich verfüge das Sanskrit über 54 Laute, von denen jeder sowohl eine weibliche und eine männliche Ausprägung habe. Andere eingängige Erklärungen lassen sich ebenso in der Literatur finden, wie Beispielsweise 6 x 3 x 2 x 3 = 108: 6 Sinne (sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, denken), 3 Formen der Zeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), 2 Zustände des Herzens (ehrlich oder unehrlich), 3 Möglichkeiten für Gefühle (mögen, nicht mögen, Gleichgültigkeit). Mit anderen Worten: Es gibt eine ganze Palette an unterschiedlichen und leicht zu findenden Erklärungsversuchen, wieso also stellt der Autor „seine“ als die einzige vor? (zurück)
 
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